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Voller Erfolg beim dbs-Symposium

Montag, 22. Februar 2021, 18:53 Uhr, Alter: 49 Tage

Voller Erfolg beim dbs-Symposium
 

Erinnern Sie sich, wie es war, sich im Januar oder Februar bei Eis und Schnee, mit Auto oder Bahn, zum jährlichen dbs-Symposium aufzumachen? Diesmal, beim 22. Wissenschaftlichen Symposium des dbs, war alles anders, aber nicht schlechter. Natürlich fehlten uns die persönlichen Begegnungen und das Shoppen in der Materialausstellung, aber die Online-Version des Symposiums darf als rundum gelungen betrachtet werden. Zu den Workshops und den Fachvorträgen hatten sich über 450 Kolleg*innen angemeldet: So viele wie nie!

 

Die Teilnehmer*innen wurden vom Bundesvorsitzenden des dbs, Prof. Dr. Michael Wahl, auf das Tagungsthema eingestimmt. Schriftsprachliche Kompetenzen nehmen Einfluss auf die Gestaltung unseres privaten und beruflichen Alltags. Umso wichtiger, dass Lesen und Schreiben im Grundschulalter sicher erworben werden bzw. dass bei einer erworbenen Schriftsprachstörung eine erfolgreiche Rehabilitation stattfindet.

 

Der frühe Leseerwerb stand im Mittelpunkt des Vortrags von Prof. Dr. Barbara Gasteiger-Klicpera (Universität Graz), die anhand des Kompetenzentwicklungsmodells (Klicpera et al. 2020) und anschaulichen Videobeispielendarstellte, dass das zunächst segmentale Lesen zunehmend ganzheitlich-lexikalisch erfolgt und immer mehr automatisiert wird. Für die Therapie regte sie an, „von der Schrift her zu denken“: Die Schriftsprache könne eine mangelnde phonologische Bewusstheit durchaus unterstützen.

 

Susanne Seifert, PhD (Universität Graz) und Angelika Schindler (Praxis für Sprachtherapie Kamp-Lintfort)berichteten über Einflussfaktoren auf das Leseverständnis. Anhand von Textbeispielen konnten die Teilnehmer*innen selbst erleben, wie Hör- und Lesesinnverständnis (LSV) scheitern können. Das Modell der simple view of reading (Gough & Tunmer 1986) bezieht beide Faktoren ein, wobei die Referentinnen eine darüber hinausgehende, multidimensionale Diagnostik empfehlen, die auch Wortschatz und Grammatik überprüft.

 

Über das Heidelberger Eltern Training LRS (HET LRS) berichtete Dr. Anke Buschmann vom Zentrum für Entwicklung und Lernen Heidelberg. Eltern von Kindern mit LRS stehen oft unter besonderen Belastungen, die mit Hilflosigkeit und Frust die Interaktion mit dem Kind negativ beeinflussen können. Das HET LRS bietet Eltern daher eine systematische Beratung an, die das Ziel hat, ihre Kind mit LRS zu verstehen, stärken und unterstützen.

Dr. Josefine Horbach von der RWTH Aachen berichtete über ihre Längsschnittstudie zu den Zusammenhängen von Verhaltensauffälligkeiten und LRS bei Kindern von der Vorschule bis zum 5. Schuljahr. Dabei ging sie der Frage nach, ob die Verhaltensstörungen durch die negativen Erfahrungen mit dem Schriftspracherwerb entstehen oder ob sie mit ihren Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Konzentration der Auslöser der LRS sind. Auch der Einfluss von ADHS, die oft mit LRS gemeinsam auftritt, wurde aufgeklärt.

 

Die Moderation am Samstag übernahm Gabriele Finkbeiner, Stellvertretende Bundesvorsitzende des dbs, die die Teilnehmer*innen anhand einer Schreibprobe aus ihrer eigenen Grundschulzeit sehr anschaulich in die Schüler*innenperspektive versetzte.

Passend dazustelltenSusanne Seifert und Lisa Paleczek (Uni Graz)den Grazer Leseverständnistest vor (GraLeV; Paleczek, Seifert et al. , in Vorbereitung). Der GraLeV enthält vier Untertests auf Wort-, Satz- und Textebene. Ziel ist es, mögliche Lesedefizite früh zu identifizierten, um daraus eine individuelle Unterstützung bzw. eine angemessene Differenzierung im Unterricht abzuleiten.


Zwei Testverfahren für erworbene Dyslexien wurden von Rebecca Schumacher (Universität Potsdam) vorgestellt und verglichen. Sowohl LEMO (Stadie et al. 2013) als auch DYMO (Schumacher et al. 2020) gehen modellbasiert vor und erlauben die präzise Lokalisation der funktionalen Störung. DYMO stellt aber höhere Anforderungen an den Leseprozess und kann daher leichte Beeinträchtigungen genauer aufdecken und einen noch detaillierteren Lesebefund ermöglichen.

 

Zur Bedeutung der Benennungsgeschwindigkeit (rapid automised naming, RAN) für die Diagnostik und Therapie trug Lisa Gerhards vor.Bekannt ist, dass serielles RAN schneller erfolgt als diskretes RAN, da hier eine artikulatorische Überlappung auftritt. Die Tatsache, dass nur das serielle RAN mit der Lesegeschwindigkeit korreliert, weist darauf hin, dass beim (reifen) Lesen eine parallele Verarbeitung der Wörter erfolgt. Eine modelltheoretische Einordnung des seriellen RAN trägt daher zu seiner Aussagekraft für den Leseerwerb bei.

 

Wir waren gespannt, ob auch im Online-Format eine Interaktion zwischen Publikum und Referent*innen entstehen würde: Aber ja! Dank eines F&A-Chats, in dem Fragen nicht nur gestellt sondern auch „gelikt“ werden konnten, konnte ein persönlicher und angeregter Austausch entstehen, der in den Pausen bei wonder.me fortgesetzt werden konnte.

 

Wie immer beim Symposium konnte in den Pausen eine Posterausstellung mit aktuellen Forschungsergebnissen besucht werden. Mit einem Online-Zugang konnten die Poster oder deren Video-Präsentationen angeschaut und mit den Verfasser*innen diskutiert werden. Die Themen der Poster beschäftigten sich nicht nur mit den Schriftsprachstörungen, sondern z. B. auch mit den sprachlichen Anforderungen an Ratgeber für Menschen mit Aphasie, mit digitalen Medien für die Sprachtherapie, mit Konzepten für die LKGS-Therapie oder der Therapie von Aussprachstörungen.

 

Obwohl alles online war, konnte das dbs-Symposium in gewohnter Qualität stattfinden. Dank einer hervorragend strukturierten Tagungshomepage, detaillierten Technik-Hinweisen und ggf. mit Unterstützung einer telefonischen Hotline fanden sich die Teilnehmer*innen bestens zurecht. Im Resümee brachte es Bernd Frittrang, Stellvertretender Bundesvorsitzender des dbs, auf den Punkt: „In diesem besonderen Symposium beschäftigten wir uns mit dem Alphabet im buchstäblichen Sinne und gleichzeitig mit dem ABC der Digitalisierung von wissenschaftlichen Formaten.“ Beides ist hervorragend gelungen.

 

 

Weitere Berichte vom dbs-Symposium

Traditionsgemäß wird das Symposium gerahmt von der Mitgliederversammlung und den vielfältigen Möglichkeiten, den Vorstand, die Beiräte und Referent*innen des dbs persönlich zu treffen. Außerdem wurde der dbs-Förderpreis verliehen und das dbs-Doktorand*innennetzwerk begeisterte mit einem Science Slam. Die dazugehörigen Berichte sind im Folgenden verlinkt:


- Praxisinhaber*innen im Dialog
- Arbeitnehmer*innen im Dialog
- Studierende und DokNetz im Dialog
- Verleihung des dbs-Förderpreis
- Science Slam des dbs-DokNetz
- dbs-Mitgliederversammlung


Und wer sich noch genauer über die Vorträge beim dbs-Symposium informieren möchte, findet im Symposiumsbereich eine ausführlichere Darstellung. 

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