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22. Wissenschaftliches Symposium des dbs

Perspektiven auf Beeinträchtigungen der Schriftsprache

 

19. und 20. Februar 2021 – Online

Voller Erfolg beim dbs-Symposium

 

Erinnern Sie sich, wie es war, sich im Januar oder Februar bei Eis und Schnee, mit Auto oder Bahn, zum jährlichen dbs-Symposium aufzumachen? Diesmal, beim 22. Wissenschaftlichen Symposium des dbs, war alles anders, aber nicht schlechter. Natürlich fehlten uns die persönlichen Begegnungen und das Shoppen in der Materialausstellung, aber was wir mit dem dbs-Symposium angestellt haben, war eine tolle Alternative. Der Transport der gewohnten Symposiums-Formate in die Online-Version darf als rundum gelungen betrachtet werden. Zu den Workshops und den Fachvorträgen hatten sich über 450Kolleg*innenangemeldet: So viele wie nie!

 

Die Teilnehmer*innen wurden vom Bundesvorsitzenden des dbs, Prof. Dr. Michael Wahl, in einer virtuellen winterlichen Kulisse begrüßt und auf das Tagungsthema eingestimmt. Schriftsprachliche Kompetenzen nehmen Einfluss auf die Gestaltung unseres privaten und beruflichen Alltags. Umso wichtiger sei es, dass Lesen und Schreiben im Grundschulalter sicher erworben werden bzw. dass bei einer erworbenen Schriftsprachstörung eine erfolgreiche Rehabilitation stattfindet.

 

Der frühe Leseerwerb stand im Mittelpunkt des Vortrags von Prof. Dr. Barbara Gasteiger-Klicpera (Universität Graz), die anhand des Kompetenzentwicklungsmodells (Klicpera et al. 2020) und anschaulichen Videobeispielendarstellte, wie das zunächst segmentale Lesen zunehmend ganzheitlich-lexikalisch erfolgt und immer mehr automatisiert wird. Beeinflusst wird der Leseerwerb von kindabhängigen Faktoren (z.B. phonologische Bewusstheit, v.a. aber die Benenngeschwindigkeit) und von Umgebungs-Faktoren (z.B. Qualität des Unterrichts, Förderung im Elternhaus). Prof.Gasteiger-Klicpera plädiert dafür, LRS bereits sehr früh aufzudecken und stellte den (leider vergriffenen, aber für die Teilnehmer*innen extra bereitgestellten)Frühe Lesefähigkeiten-Test 1 und 2 als geeignete Diagnostik vor. Damit können spezifische Förderziele – z.B. Sicherheit der Buchstabenkenntnis, das Zusammenlauten oder das Wiedererkennen häufiger Wörter – abgeleitet werden. Bei der Förderung selbst gelte „nicht kleckern, sondern klotzen“: Über zwei Monate sollte jeden Tag 20 Minuten Förderung erfolgen, um diese wirksam zu machen. Und Prof.Gasteiger-Klicpera regt die Sprachtherapeut*innen an, „von der Schrift her zu denken“: Die Schriftsprache könne eine mangelnde phonologische Bewusstheit durchaus unterstützen. (Gleichwohl hilft eine gut ausgeprägte phonologische Bewusstheit beim Einstieg in den Leseerwerb).

 

Susanne Seifert, PhD (Universität Graz) und Angelika Schindler (Praxis für Sprachtherapie Kamp-Lintfort)berichteten über Einflussfaktoren auf das Leseverständnis. Anhand von Textbeispielen konnten die Teilnehmer*innen selbst erleben, wie Hör- und Lesesinnverständnis (LSV) scheitern können. (Viele von uns rätseln wohl immer noch, was „Tehengen“ ist – leider verrät es auch der Fremdwörterduden nicht).

In der simple viewofreading (Gough&Tunmer 1986) ergibt sich das LSV 1. aus der Fähigkeit, Schriftsprache zu dekodieren und 2. aus der Qualität des Hörverständnis. Je nach Ausprägung der beiden Fähigkeiten (+/-) zeigen sich differenzierte und heterogene Leistungsprofile beim LSV. Die Referentinnen empfehlen darüber hinaus eine multidimensionale Diagnostik, die auch Wortschatz und Grammatik einbezieht, um spezifische Therapieschwerpunkte setzen zu können.

 

Über das von 2010 – 2017 entwickelte Heidelberger Eltern Training LRS (HET LRS) berichtete Dr. Anke Buschmann vom Zentrum für Entwicklung und Lernen Heidelberg. Da Kinder mit LRS häufig begleitende Verhaltensauffälligkeiten zeigen, stehen ihre Eltern unter einer besonderen Belastung. Schuldgefühle, Hilflosigkeit und Frust beeinflussen die Interaktion mit dem Kind negativ und mindern die Freude am Lesen, Schreiben und Üben zusätzlich. Das HET LRS bietet Eltern daher eine systematische Beratung an, die das Ziel hat, ihre Kind mit LRS zu verstehen, stärken und unterstützen. Die Beratung findet in fünf klar strukturierten Kleingruppensitzungen statt. Inhalte sind das Empowerment der Eltern, die Vermittlung gezielter Unterstützungsmethoden und ein Interaktionstraining. Eine Evaluationsstudie zeigte den Erfolg des Trainings.

 

Dr. Josefine Horbachvon der RWTH Aachen berichtete über ihre Längsschnittstudie zu den Zusammenhängen von Verhaltensauffälligkeiten und LRS bei Kindern von der Vorschule bis zum 5. Schuljahr. In die Studie eingeschlossen waren zu Beginn knapp 300 Vorschulkinder, von denen bis zur 5. Klasse immer noch fast 200 weiterverfolgt werden konnten. Die Referentin erläuterte die Unterschiede von Verhaltensproblemen mit oder ohne LRS: Was ist dabei Henne, was ist Ei? Entstehen die Verhaltensstörungen durch die negativen Erfahrungen mit dem Schriftspracherwerb oder sind die Verhaltensstörungen mit ihren Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Konzentration der Auslöser der LRS? Die Studie bezieht als Variable den Einfluss der ADHS ein, und hier zeigt sich Überraschendes: 3% der Kinder ohne LRS haben eine ADHS-Symptomatik, aber 33% der LRS-Kinder haben gleichzeitig eine ADHS. Und: Die Verhaltensentwicklung von Kindern mit LRS, aber ohne ADHS verläuft insgesamt ähnlich wie die von Kindern ohne LRS. Die Verhaltensentwicklung von Kindern mit LRS und ADHS ist oft besonders problematisch, und die Verhaltensauffälligkeiten dieser Kinder zeigen sich bereits vorschulisch. Die Konsequenzen für  die Diagnostik und Therapie von LRS muss daher lauten, dass sie im interdisziplinären Team unter Einbezug von Psychiater*innen und Psycholog*innen erfolgen sollte.

 

Die Moderation am Samstag übernahm Gabriele Finkbeiner, Stellvertretende Bundesvorsitzende des dbs, die die Teilnehmer*innen anhand einer Schreibprobe aus ihrer eigenen Grundschulzeit sehr anschaulich in die Schüler*innenperspektive versetzte.

 

Passend dazustelltenSusanne Seifert und Lisa Paleczek (Uni Graz)den Grazer Leseverständnistest vor (GraLeV; Paleczek, Seifert et al. , in Vorbereitung), den sie derzeit entwickeln. Der GraLeV enthält vier Untertests auf Wort-, Satz- und Textebene. Die Durchführungsdauer beträgt im Klassenverband ca. 30 Minuten. Ziel ist es, mögliche Lesedefizite früh zu identifizierten, um daraus eine individuelle Unterstützung bzw. eine angemessene Differenzierung im Unterricht abzuleiten. Eine besondere Herausforderung bei der Testentwicklung war die Umsetzung des GraLeV als digitaler Tests, da die Internetqualität an Schulen in Österreich offenbar genauso zu wünschen übrig lässt wie in Deutschland. Ergänzend wird der GraLeV daher als Print-Version und als App erstellt; die Fertigstellung ist für Sommer 2021 geplant. Die Corona-Pandemie hat die Erprobung des Tests natürlich erschwert, auch in methodischer Hinsicht: Da der Schulbesuch 2020/2021 stark eingeschränkt ist, können die aktuellen Jahrgangsstufen nicht als Normgruppen gelten.


Zwei Testverfahren für erworbene Dyslexien wurden von Rebecca Schumacher (Universität Potsdam) vorgestellt und verglichen. Sowohl LEMO (Stadie et al. 2013) als auch DYMO (Schumacher et al. 2020) gehen modellbasiert vor und erlauben die präzise Lokalisation der funktionalen Störung. Die Verfahren gehen damit über eine reine Syndrombestimmung hinaus. Betrachtet werden neben der Anzahl korrekter Reaktionen auch der Einfluss psycholinguistischer Variablen (z.B. der Wortfrequenz) und die Fehlerqualität in verschiedenen Aufgaben. Im Unterschied zu LEMO enthält DYMO auch morphologisch komplexe Wörter und bietet zusätzliche Untertests an, die einen vertieften Einblick in die Funktionsfähigkeit der visuellen Analyse und der segmentalen Leseroute geben. DYMO stellt daher höhere Anforderungen an den Leseprozess und kann daher leichte Beeinträchtigungen genauer aufdecken und einen noch detaillierteren Lesebefund ermöglichen.

 

Zur Bedeutung der Benennungsgeschwindigkeit für die Diagnostik und Therapie stellte Lisa Gerhards ihre gemeinsam mit Dr. Anna Rosenkranz durchgeführte  Studie vor. Sie erläuterte zunächst, dass rapid automatizednaming (RAN) Aufgaben sowohl anhand von Einzelbildern (d.h. diskret) als auch anhand eines kompletten Bildbogens (d.h. seriell) durchgeführt werden können. Bekannt ist, dass serielles RAN schneller erfolgt als diskretes RAN, da die Bilder hier parallel verarbeitet werden können und eine artikulatorische Überlappung erfolgt. Interessanterweise korreliert nur das serielle RAN mit der Lesegeschwindigkeit, was darauf hinweist, dass beim (reifen) Lesen eine parallele Verarbeitung der Wörter erfolgt. Modelltheoretische Überlegungen zum Zusammenhang von RAN und mündlichen Bildbennen und die Untersuchung von psycholinguistischen Einflussfaktoren tragen zu unserem Verständnis von RAN und seiner Aussagekraft für den Leseerwerb weiter bei.

 

Gespannt waren wir, ob auch im Online-Format eine Interaktion zwischen Publikum und Referent*innen entstehen würde: Aber ja! Dank eines F&A-Chats, in dem Fragen nicht nur gestellt sondern auch „gelikt“ werden konnten, wurden zahlreiche Beiträge gesammelt und konnten von den Fragenden vorgetragen werden. So entstand trotz der Distanz ein persönlicher und sehr angeregter Austausch, der in den Pausen bei wonder.me fortgesetzt werden konnte.

Wie immer beim Symposium konnte in den Pausen zudem eine Posterausstellung mit aktuellen Forschungsergebnissen besucht werden. Mit einem Online-Zugang konnten die Poster oder deren Video-Präsentationen angeschaut und mit den Verfasser*innen diskutiert werden. Die Themen der Poster beschäftigten sich nicht nur mit den Schriftsprachstörungen, sondern z. B. auch mit den sprachlichen Anforderungen an Ratgeber für Menschen mit Aphasie, mit digitalen Medien für die Sprachtherapie, mit Konzepten für die LKGS-Therapie oder der Therapie von Aussprachstörungen.

 

Obwohl also „allesonline“ war, konnte das dbs-Symposium in gewohnter Qualität stattfinden. Dank einer hervorragend strukturierten Tagungshomepage, detaillierten Technik-Hinweisen und ggf. mit Unterstützung einer telefonischen Hotline fanden sich die Teilnehmer*innen bestens zurecht. Im Resümee brachte es Bernd Frittrang, Stellvertretender Bundesvorsitzender des dbs, daher auf den Punkt: „In diesem besonderen Symposium beschäftigten wir uns mit dem Alphabet im buchstäblichen Sinne und gleichzeitig mit dem ABC der Digitalisierung von wissenschaftlichen Formaten.“ Beides ist hervorragend gelungen.

 

 

Weitere Berichte vom dbs-Symposium

Traditionsgemäß wird das Symposium gerahmt von der Mitgliederversammlung und den vielfältigen Möglichkeiten, den Vorstand, die Beiräte und Referent*innen des dbs persönlich zu treffen. Außerdem wurde der dbs-Förderpreis verliehen und das dbs-Doktorand*innennetzwerk begeisterte mit einem Science Slam. Die dazugehörigen Berichte sind im Folgenden verlinkt:


Praxisinhaber*innen im Dialog
Arbeitnehmer*innen im Dialog
Studierende und DokNetz im Dialog
Verleihung des dbs-Förderpreis
Science Slam des dbs-DokNetz
dbs-Mitgliederversammlung

 

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