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St-t-tt-ttotttern. Aktuelle Impulse für Diagnostik, Therapie und Evaluation

St-t-tt-ttotttern. Bestandsaufnahme in Halle.

 

Praxisimpulse und Forschungsdesiderate vom 11. Wissenschaftlichen Symposium des dbs

 

Am 29./30. Januar 2010 fand in Halle an der Saale das 11. Wissenschaftliche Symposium des Deutschen Bundesverbandes der akademischen Sprachtherapeuten e.V. (dbs) zum Thema „St-t-tt-ttotttern – Aktuelle Impulse für Diagnostik, Therapie und Evaluation“ statt. Erstmals widmete sich der dbs dem Thema „Stottern“ mit einem ganzen Symposium. Die Universität Halle (Saale), in der sowohl die Sprachheilpädagogik als auch die Klinische Sprechwissenschaft mit Studiengängen vertreten sind, bot hierfür einen gebührenden Rahmen.

Universität Halle
Dr. Volker Maihack

Dr. Volker Maihack, erster Bundesvorsitzender des dbs, begrüßte die ca. 300 Teilnehmer/innen. Zahlreiche Ehrengäste, unter ihnen Vertreter der Hochschulen, der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e.V. (dgs) und der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. (BVSS) waren der Einladung des dbs gefolgt. Dr. Maihack betonte die aktuelle Bedeutung des Themas, das zu den klassischen Arbeitsgebieten akademischer Sprachtherapie gehört und verwies auf die öffentliche Resonanz, die sich in Presseanfragen an den dbs widerspiegelte. 

 

Der Rektor der Universität Halle und der stellvertretende Bürgermeister, Herr Kogge, wünschten der Veranstaltung einen guten Verlauf. Dr. Matthias Kremer, Vorsitzender der BVSS,  lobte in seinem Grußwort den dbs für die Einbeziehung der Selbsthilfe, wodurch sich der Verband und die Veranstaltung dem besonders kritischen Auge der Betroffenen unterziehen. Dr. Kremer maß dem Thema große Bedeutung zu. Er kritisierte die noch mangelhafte Früherkennung stotternder Kinder und formulierte eine Wunschliste für die Zusammenarbeit  zwischen Betroffenen, Therapeuten, Verbändevertretern und Wissenschaftlern: Die Berufspolitik müsse in den Hintergrund treten, die Erfahrungen der Betroffenen sollten bei versorgungsrelevanten Fragen mehr einbezogen und Grundlagenwissen vor Ort mehr angewendet werden.

Prof. Dr. Claudia Iven

Die Organisatorin des Symposiums und Expertin in der Diagnostik und Therapie stotternder Kinder, Jugendlicher und Erwachsener, Prof. Dr. Claudia Iven, führte in das Thema ein und begründete die Themenwahl, wie auch  schon zuvor in einem Interview mit dem MDR: „Wir müssen als Fachleute dringend über das Thema Stottern reden, weil das Stottern im Kindesalter die zweit häufigste Sprechstörung ist und im Erwachsenenalter die häufigste“. Im Widerspruch dazu stünden die wenigen Fachpublikationen, die sich im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren mit der Diagnostik und Therapie des Stotterns auseinandersetzten. „Ist unser Wissen über das Stottern so unsicher, dass Wissenschaftler, Therapeuten und Klienten verunsichert sind? Ist  Stottersymptomatik  so wandelbar und konfus, dass eine „best practice“ unmöglich ist?“; fragt die Organisatorin. Das Symposium sollte u.a. aufzeigen, dass patientenorientiertes Arbeiten keinen willkürlichen Griff in die Therapiekiste erlaubt, sondern in Form der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Heath, WHO, 2001) Kategorien für die Diagnostik und Therapie stotternder Menschen zur Verfügung stehen, die auch einen ganzheitlichen Zugang zur Problematik objektivierbar machen.

 

Prof. Dr. Johannsen (Ulm) gab einen Überblick über den Wandel der Forschungsfragen im Bereich Stottern und ordnete neue Erkenntnisse ein. Die ursprüngliche Schuldfrage, die früher in rigiden Verhaltensregeln für Eltern stotternder Kinder mündete, ist der Suche nach den chronifizierenden Faktoren gewichen. Johannsen berichtete von der Ulmer Längsschnittstudie, die das trennende Merkmal zwischen Kindern mit entwicklungsbedingten Unflüssigkeiten und Kindern, die auch nach dieser Phase noch stotterten, nicht zu finden vermochte. Allerdings zeigten die Studienergebnisse deutlich, dass Vorschulkinder eine gute Therapieprognose haben, während sich die Prognose nach dem Alter von acht Jahren deutlich verschlechtert. Aussagen zur Prognose ergeben sich auch aus der Art der erforderlichen Behandlung: Kinder, die eine direkte Behandlung der Stottersymptomatik erhielten, hatten eine ungünstigere Prognose als Kinder, bei denen eine indirekte Behandlung in Form von Elternberatung, sprachsystematischer oder artikulatorischer Therapieinhalte ausreichend schien. Johannsen stellte einen Sechs-Fragen-Katalog für Kinderärzte vor, denen er bereits bei einer zutreffenden Antwort die Überweisung des Kindes zum Stotter-Spezialisten nahe legte.

 

Susanne Cook beklagte unter dem Titel „ICF-basierte Diagnostik“ den Mangel an standardisierten Fragebögen zur psychosozialen Belastung Stotternder im deutschsprachigen Raum. Sie beschrieb Nutzen sowie Schwierigkeiten in der Übertragung  - zum Teil viel zu umfangreicher  - angloamerikanischer Instrumente ins Deutsche und zeigte Ergebnisse eigener Verfahren und Untersuchungen. Auch die Handhabbarkeit im therapeutischen Alltag sollte maßgeblich sein – schließlich helfe die Evaluation der psychosozialen Belastung in der Kommunikation mit Kinderärzten bei der Frage nach Notwendigkeit und Dauer der Therapie.

 

Dr. Bernd Hansen stellte die Bedeutung der Partizipation, wie sie in der ICF verankert ist, für die Therapie und ihre Gestaltung mit stotternden Menschen in den Vordergrund. Er nannte sie eine klare Werteentscheidung. Am Beispiel des 5-jährigen Jasper und des 6-jährigen David zeigte er auf, wie Partizipation in der Diagnostik aussehen kann: Miteinander wurde geklärt, was los ist (Anlass), was verändert werden soll (Anliegen) und wie das gemeinsam erreicht werden kann (Auftrag). Hansen stellte sein Baustein-Konzept praktisch vor und zeigte damit, wie die einzelnen ICF-Komponenten mit konkreten Therapiezielen und -inhalten bezogen auf den Einzelfall gefüllt werden können. 

 

Prof. Dr. Claudia Iven rundete diese Vortragsreihe mit einem Rück- und Ausblick auf die Therapieforschung ab. Eindeutig kritisierte sie den ausschließlichen Fokus auf die „Funktion“ in der Stottertherapie, der in vielen angloamerikanischen Behandlungsansätzen und in Evaluationsstudien, die vorrangig auf die Anzahl der Stottersymptome achten, dominiere. Sie plädierte für eine differenzierte Reflexion der Methode, da sich Stottersymptome bereits bei einem Patienten zwischen den verschiedenen Sprachproben erheblich unterscheiden können, und argumentierte für eine qualitative Formulierung von Erfolgskriterien: Wirksamkeit in unterschiedlichen Kommunikationsanforderungen, alltagsrelevante Veränderungen, die sich noch mindestens ein halbes Jahr nach Therapieende nachweisen lassen und eine natürlich wirkende Sprechweise könnten das zum Beispiel sein. Die Versorgungsforschung in Deutschland identifizierte Iven als Brachland: Wer bekommt Therapie? Anhand welcher Kriterien entscheiden sich Patienten für eine bestimmte Methode? Und welche Einflüsse hat die gut funktionierende Selbsthilfe? Auch die anschließende Diskussion griff diese Fragen wieder auf und bemängelte die fehlende Dokumentation von Daten zur Stottertherapie in Deutschland.

Posterpräsentation
"Sprechbühne"

Der Abend wurde durch die Posterpräsentation eingeleitet. Zehn Nachwuchswissenschaftler stellten ihre Studien zu den Themen „Stottern“, „Sprach- und Sprechentwicklung“ sowie „Sprachdiagnostik im Kindesalter“ vor und fanden sich in regen Diskussionen mit den Symposiumsteilnehmern wieder. 

 

 

 

Anschließend verbrachte man den Eröffnungsabend in schöner Atmosphäre. Highlight des Abends war der Auftritt der „Sprechbühne“ Halle. Studierende der Sprechwissenschaften präsentierten an einem Text von Kurt Schwitters eindrucksvoll ihre akzentuierten, artikulierten und atemberaubenden Sprechkünste.

Das Organisatorenteam

Der Samstag stand erneut im Zeichen der Praxis. Unter dem Obertitel „Stottertherapie konkret“ erläuterten zwei Therapeutenteams ihre patientenorientierten Vorgehensweisen anhand von Videodokumentationen. In den Beispielen von Holger Prüß und Kirsten Richardt, Bonn, wurden die zentralen Therapiebausteine in der Arbeit mit einem jugendlichen und einem erwachsenen Stotternden deutlich. Eindrucksvoll wurde klar, dass häufig erst nach dem Abbau von stotterbezogener Scham und Angst durch das verhaltenstherapeutische Konzept der Konfrontationstherapie, die Arbeit an der Stotterkontrolle, zum Beispiel durch die Veränderung des Stimmeinsatzes, möglich ist.

 

Georg Thum und Ingeborg Mayer, München, hatten eine „Werkzeugkiste“ zum individuellen Einsatz bei stotternden Kindern mitgebracht. Ob Fell oder Stein, Schnecke oder Frosch, Zange oder weicher Ball – jedes stotternde Kind muss lernen, sein Werkzeug von vorneherein regulierend, während des Stotterns zum „pull out“ oder hinterher zum Nachbessern und Lösen der Symptomatik einzusetzen. Ampelfarben zeigen die Stufe der Bewältigung an – und am liebsten sprechen alle bei Grün. Evaluiert wurde die Intensivtherapie durch die Bewertung der Silbenflüssigkeit, die Einschätzung des Therapeuten und die Selbsteinschätzung des Klienten.

 

In einer Conclusio reflektierte Dr. Stephan Baumgartner die Vorträge der beiden Tage kritisch. Er fasste neues Wissen zusammen und verglich es mit bereits bestehenden Erkenntnissen. Gute Wirksamkeitsnachweise gäbe es ausschließlich für Kurzzeittherapien, die am Sprechverhalten arbeiten. Die aber seien eine rein äußere Therapiearbeit und verhinderten einen Transfer, da keine kognitiv-emotionale Verarbeitung stattfände. In der Stottertherapie gehe Angstmanagement vor Sprechtechnik, die nur ein marginales Problem der Stottersymptomatik darstelle. Negative Auswirkungen von Therapien durch Anfänger ließen sich allerdings durch strukturierte Therapieprogramme reduzieren. Ob nun die reduktionistische, aber evaluierte Methode der nicht evaluierten, aber humanistisch orientierten Vorgehensweise vorzuziehen ist oder umgekehrt, bleibt nach wie vor die Entscheidung des Therapeuten, der Baumgartner zufolge nun mal Spezialist für den Mitteleinsatz, nicht aber für die Mittelwirkung ist.

  

In der anschließenden Diskussion stellten sich die Referenten den Fragen nach wissenschaftlicher Evaluation und den Möglichkeiten einer individuellen Therapiegestaltung im Kontext einer Gruppentherapie. Die Evaluationsforschung habe gezeigt, dass Gruppentherapien im Intensivsetting wirkungsvoll sein können, alleine jedoch für den Einzelnen nicht zu langfristigen Erfolgen führten. Der Blick auf das individuelle Störungs- und Bedürfnisprofil darf nicht aus dem Blick des Sprachtherapeuten gleiten.

  

Die Tage in Halle (Saale) überzeugten durch ihre Praxisnähe. Therapeuten zogen aus dem Gesagten Bestätigung für ihren therapeutischen Weg und verließen die Tagung mit vielen Ideen für ihre Diagnostik und Therapie.  Das Symposium zeigte erneut eindrucksvoll, dass die akademische Sprachtherapie bereits viel im Gepäck hat, was die ICF erst seit wenigen Jahren tatsächlich einfordert: Die Behandlung eines Patienten nach dessen individueller Teilhabe zu planen und zu gestalten. Aufgabe der akademischen Sprachtherapie ist es nun, die Kriterien der evidenzbasierten Medizin aufzugreifen und entsprechend für unser Fach zu hinterfragen, gegebenenfalls zu verändern. Stottertherapeuten – auch das hat Halle gezeigt – fühlen sich von ihren Universitäten und von Kostenträgern im Stich gelassen. Wie dramatisch unterfinanziert die Evaluationsforschung im Bereich Sprachtherapie ist, darauf hat bereits Maihack im Rahmen des dbs-Symposiums 2009 hingewiesen. Auch dieses Mal ist dieser Missstand evident. Der dbs-Bundesvorsitzende formuliert einen Ausweg: „Gemeinsam mit Dr. Stephan Baumgartner habe ich noch in Halle überlegt, einen "Forschungsgipfel Stottern" zu initiieren. Wir sollten uns als Betroffene, Sprachtherapeuten, Wissenschaftler und Kassenvertreter an einen Tisch setzen und konkret überlegen, wie wir Mittel und Wege finden können, die Evidenzforschung deutlich wahrnehmbarer und transparenter in die Stottertherapie zu implementieren. Nur so und gemeinsam gelingt es uns vielleicht und hoffentlich, Qualität besser zu definieren.“

 

Für das Organisatorenteam

Ulrike de Langen-Müller & Barbara Kleissendorf

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