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Rückblick auf das 15. Wissenschaftliche Symposium des dbs "Unterstützte Kommunikation = Sprachtherapie?!"

Am 21. und 22. Februar 2014 fand an der Humboldt-Universität zu Berlin das 15. Wissenschaftliche Symposium des dbs zum Thema: „Unterstützte Kommunikation = Sprachtherapie?!“ statt. In guter dbs-Tradition setzten sich an den zwei Tagen 350 Teilnehmer_innen intensiv mit dem Schwerpunktthema auseinander. Das Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation (UK) wurde hierbei in einer Vielschichtigkeit und in einer Lebendigkeit beleuchtet, wie es nur in der konzentrierten Form eines Symposiums möglich ist. Die multiprofessionellen Referentinnen und Referenten  haben  dieses hochkomplexe Arbeitsfeld ausgeleuchtet und zahlreiche Einblicke eröffnet.

 

UK als Mittel zur Teilhabe an der Gesellschaft für Menschen mit eingeschränkter Lautsprache zog sich als Grundgedanke durch alle Vorträge. Dr. Barbara Giel (Köln, Moers) eröffnete die Tagung mit einer Einordnung der UK in das Arbeitsfeld der Sprachtherapie. Sie stellte die besonderen Gegebenheiten des UK-Einsatzes in der Sprachtherapie bei Kindern und Erwachsenen dar und ersetzte  das Gleichheitszeichen im Titel der Tagung „Unterstützte Kommunikation = Sprachtherapie?!“ durch ‚braucht‘. Sie machte deutlich, dass eine erfolgreiche Versorgung mit UK sprachtherapeutische Expertise benötigt. Im Umkehrschluss betonte sie, „Sprachtherapie braucht Unterstützte Kommunikation“, denn nur in der interdisziplinären Zusammenarbeit kann erfolgreiche Kommunikation und Teilhabe gelingen.

 

Um UK-Methoden individuell auszuwählen und im Alltag zu implementieren ist eine umfassenden Diagnostik sprachlich-kommunikativer Kompetenzen notwendig. Dr. Andrea Liehs (Moers) und Dana-Kristin Marks (Köln) haben dies in ihrem Vortrag zur Diagnostik bei UK-Nutzern aufgezeigt. Sie haben die Teilnehmerinnen in ihren Ausführungen ermutigt, vorhandene Diagnostikverfahren einzusetzen und diese an die Bedürfnisse der Nutzer anzupassen. Dabei haben sie besonders herausgestellt, dass das Ziel der Diagnostik nicht die Feststellung der Normabweichung sein kann, sondern dass es um die Ermittlung des Sprachstandes in all seinen Ebenen geht. Diese Vorgehensweise verlangt von der Therapeutin  vor Ort hohe Ressourcen zeitlicher, materieller und fachlicher Art. Es wurde deutlich, dass es im Bereich der Diagnostik viele offene Fragen  gibt, die aus dem Symposium mitgenommen und weiterhin intensiv bearbeitet werden sollten.

 

Dass UK nicht nur Sprachtherapie braucht, sondern auch umgekehrt – und das nicht nur bei geistig behinderten Kindern – in der Sprachtherapie selbstverständlich auch Methoden der unterstützen Kommunikation einsetzt werden, hat Hildegard Kaiser-Mantel (Großhesselohe) sehr eindrücklich und anschaulich in ihrem praxisorientierten Vortrag anhand einprägsamer Videobeispiele dargestellt.

 

Auf der Basis aktueller Forschungsergebnisse stellte Prof. Jens Boenisch (Köln) die  Vermittlungspraxis des Kern- und Randvokabulars bei der Anwendung von Gebärden, Symbolgestützten Methoden oder elektronischen Kommunikationshilfen vor. Die Diskussion von Kern- und Randvokabular wird weiter dazu anregen, bisherige Herangehensweisen zu hinterfragen und im Kontext von Spracherwerbsforschung zu diskutieren.

 

Wie UK in der Wirklichkeit funktioniert zeigten die 18-jährigen Zwillinge Oskar (UK-Nutzer) und Lisa Streit aus Berlin am Freitagabend. Die beiden Schüler, die bisher jüngsten Referenten auf einem Symposium, demonstrierten die Vielfalt von Unterstützter Kommunikation und legten dar, wie erfolgreich und herausfordernd Kommunikation und der Weg dorthin manchmal sein können.

 

Der erste Symposiumstag klang bei einem gemütlichen Beisammensein im Restaurant Nolle bei gutbürgerlicher Berliner Küche aus. Über 160 Symposiumsteilnehmer_innen nutzten die Gelegenheit zum gemeinsamen Reflektieren des ersten Tages und Austausch über ihre Erfahrungen.

 

Der Vortrag von Prof. Andrea Erdélyi (Oldenburg) am Samstagmorgen eröffnete die Beiträge zum Einsatz von UK bei neurologisch bedingten Erkrankungen im Erwachsenenalter. Schwere Kommunikationsstörungen im Kontext von Aphasien, Dysarthrien oder Sprechapraxien stellen im Fachgebiet UK eine untergeordnete Rolle dar. Dass ausgewählte Strategien und UK Methoden die Teilhabe und die Rückkehr in den Alltag ermöglichen, hat Prof. Erdélyi sehr umfassend dargestellt

 

Eva-Maria Engl-Kasper (München) hat in ihrer Einzelfalldarstellung gezeigt, dass elektronische Hilfsmittel die Möglichkeiten der Kommunikation wesentlich erweitern können, hier aber auch Grenzen gesetzt sind. Die Auswahl der UK-Methoden scheint von weit mehr Faktoren als der Erkrankung und dem Alter abhängig zu sein: Das kommunikative Umfeld trägt entscheidend dazu bei, dass Kommunikation gelingen kann.

 

Die Bedeutung modernster elektronischer Hilfsmittel für die Kommunikation von Patienten mit  progredienten Erkrankungen wie ALS und die begleitenden Möglichkeiten nicht nur für Sprache  sondern auch für die Mobilität  und Partizipation zeigte Prof. Thomas Meyer (Berlin). Aufgrund aktueller Forschungsergebnisse wurde die Bedeutung des basalen Ja/Nein Konzeptes für Autonomie und Selbstbestimmung erörtert.

 

Der abschließende Vortrag von Prof. Michael Wahl (Berlin) ließ erahnen, in welcher Geschwindigkeit Neue Medien in die UK einziehen werden. Sehr eindrucksvoll und kritisch hat er die Möglichkeiten des  Einsatzes des iPads in der UK geschildert. Aber auch dieses wird nicht als „Sprachprothese“ dienen können, sondern kann eher als eine bemerkenswerte Alternative und Ergänzung zu anderen Kommunikationsmitteln eingesetzt werden.

 

Ohne hellseherische Fähigkeiten haben zu müssen, kann man jetzt schon sagen, dass die weitere Forschung und Entwicklung im Bereich Unterstützter Kommunikation rasant fortschreiten wird.  werden. Durch die Kooperation und den fachlichen Austausch  zwischen dbs und ISSAC-GSC wird der Fachbereich UK und die Sprachtherapie die kommunikative Teilhabe von Menschen mit eingeschränkter Lautsprache kontinuierlich verbessern. Damit diese Methoden ein Weg zur Teilhabe werden, braucht die UK die Sprachtherapie; also ersetzen wir das Gleichheitszeichen im Titel des Symposiums mit einem „braucht“:  UK braucht Sprachtherapie, Sprachtherapie braucht UK.

 

Dafür müssen aber Voraussetzungen und Selbstverständnis für UK im Alltag geschaffen werden, z.B.  durch die Bereitstellung von zeitlichen und finanziellen Ressourcen zur Durchführung fachgerechter Diagnostik, interdisziplinärer Zusammenarbeit und Implementierung in den Alltag. Diese Brisanz zeigte vor allem auch das Interesse der Vertreter aus Politik und der Krankenkassen an der Tagung. Dass es dazu erste Gespräche am Rande des Symposiums mit Vertretern der Gesundheits- und Sozialpolitik und der Krankenkassen gegeben hat, gehört auch zum Erfolg dieser Veranstaltung.

 

Nicht zuletzt wird ein die Weiterentwicklung der Forschung für dieses Fachgebiet von großer Bedeutung sein, auch um die Idee der Schaffung von Leitlinien, wie sie bereits auf einer Tagung der BAG der Beratungsstellen für Kommunikationshilfe (BKOM) und der Deutschen Vereinigung für Rehabilitation (DVfR) formuliert wurde, voranzubringen.

 

Ein sehr bedeutender Satz bleibt in Erinnerung: Frau Streit, Mutter von Oskar und Lisa Streit, sagte zum schweren Weg in der UK: „ Wir wussten nicht, wie der Weg geht – keiner konnte es uns sagen – aber wir sind ihn gegangen.“

 

Das Symposium hat an vielen Beispielen gezeigt, wie UK funktionieren kann und muss. Dass die Realität oft ganz anders aussieht und hier noch viele Wege beschritten werden müssen, weiß jeder, der in diesem Bereich arbeitet.

Tagungsbeiträge erschienen

Die Beiträge des 15. Wissenschaftlichen Symposiums, welches im Februar 2014 in Berlin stattgefunden hat, sind erschienen.  Die Tagung stand unter dem Motto „Unterstützte Kommunikation = Sprachtherapie?!“ und beleuchtete die Vielfalt der Unterstützten Kommunikation aus sprachtherapeutischer Perspektive.

 

Wir haben eine neue Publikationsform gewählt und einen Teil der Beiträge in Heft 3/2014 der Logos veröffentlicht (www.logos-fachzeitschrift.de), die weiteren Beiträge finden sich in unserer neuen Online-Zeitschrift „Sprachtherapie aktuell“ auf www.sprachtherapie-aktuell.de  als kostenfreie Downloads.

 

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Stöbern und Reflektieren des letzten Symposiums.

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