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Stimme tiefer legen!? Fragen an Experten - Ein Interview mit Dr. Susanne Voigt-Zimmermann

"Menschen bevorzugen Chefs mit tiefer Stimme - das gilt für Männer wie Frauen in Führungspositionen", berichtete die SZ im März von einer Studie eines Politikwissenschaftlers und zweier Biologen von der University of Miami und der Duke University (Klofstadt et al. 2012, Proceedings of the Royal Society, online). Mit unterschiedlichen Männer- und Frauenstimmen, deren Tonlagen elektronisch erhöht und gesenkt wurden, testeten die Forscher, welche der Stimmen kompetenter, selbstbewusster und glaubwürdiger wirkten. Die Ergebnisse scheinen auf biologischer Grundlage erklären zu können, warum Frauen seltener Führungspositionen besetzen als Männer. Das anschließende Leser-Diskussionsforum antwortete mit einer Welle der Entrüstung: Die Interpretation der Studie bediene Stereotype und zementiere die Geschlechterordnung.  

 

UM: Handelt es sich hier um eine bahnbrechende Studie?

Dr. Voigt-Zimmermann: Sein wir mal ehrlich, nicht wirklich. Es ist lediglich ein erneuter Versuch unternommen worden, die Hypothese, dass tiefere Stimmen sicherer (selbstsicherer) klingen, zu verifizieren. Aber schauen wir uns die Studie genauer an. Die Stimmen von 17 Frauen und 10 Männern, die alle den Satz "Ich fordere Sie auf, im November dieses Jahres für mich zu stimmen" sprachen, wurden frequenztechnisch in höhere und tiefere Aufnahmen umgewandelt. Dann mussten zunächst 83 Studierende (37 ♂/46 ♀) ihre „Wählerstimme“ für eine der beiden randomisiert vorgespielten Frauen-Aufnahmen abgeben. Dasselbe taten dann 89 zufällige Passanten vor einem Studentengebäude (49 ♂/40 ♀) für die modifizierten Männerstimmen. Im dritten Teil der Studie sollten dann 70 weitere zufällige Passanten (35 ♂/35 ♀) bestimmen, welche der beiden Aufnahmen (jeweils sowohl die höhere als auch die tiefere von allen Sprechern) kompetenter, stärker und selbstbewusster klang. Sowohl den tieferen Frauen als auch tieferen Männerstimmen gaben die Befragten der ersten Teilstudie signifikant häufiger ihre Wählerstimme. Sowohl die weiblichen als auch die männlichen Hörer der dritten Teilstudie beurteilten die tieferen Frauenstimmen kompetenter, stärker und selbstsicherer als die höheren Frauenstimmen. Die tieferen Männerstimmen fanden jedoch nur Männer kompetenter und stärker, nicht jedoch die Frauen. Den tieferen Männerstimmen wurde weder von den Frauen noch von den Männern Selbstsicherheit bestätigt. Da ich den originalen Sprechmelodieverlauf nicht kenne, kann ich der Headline „So klingen Gewinner“ nicht bedingungslos folgen. Außerdem dauern Kandidatenreden meist länger als nur einen einzigen Satz. Wer noch dazu die rhetorische Art und Weise im amerikanischen Wahlkampf ein wenig kennt, wird mir zustimmen, dass erst eine entsprechende Studie in Deutschland auch uns von der Hypothese überzeugen könnte. Außerdem wissen wir, dass sich die Intonation von Frauen und Männern als Ganzes unterscheidet; Frauen akzentuieren stärker durch Tonhöhenveränderungen, Männer durch dynamische Akzente. Übrigens fanden zur selben Zeit Re et al. in einer Studie heraus (Preferences for Very Low and Very High Voice Pitch in Humans. PLoS ONE 2012; 7(3): e32719), dass Männer hochfrequente Frauenstimmen tieferen vorzogen und Frauen zwar auch tiefere Männerstimmen mehr mochten, zu tiefe aber ablehnten. Ich denke, mit Verallgemeinerungen sollte man also äußerst vorsichtig sein. Bedenkenswert finde ich allerdings die von den Klofstad et al. in Rückgriff auf vorangegangene Studien von Collins& Missing (2003), Feinberg et al. (2008) und Jones et al. (2008) sicherlich zugespitze, aber äußerst treffende Fragestellung, warum höher sprechende Frauen zwar als attraktiver empfunden werden, jedoch nur tiefer sprechenden Frauen eine Führungsposition zugetraut wird. Der Interpretation der Autoren, dass persönliche Eigenschaften von politischen Kandidaten oftmals entscheidender für einen Wahlerfolg sind als deren politische Ziele, muss ich aus meiner eigenen „leidvollen“ Erfahrung als Wählerin leider beschämt zustimmen. Nun, mit dem Alter hört man dann eben genauer auf das, was gesagt wird. Deshalb hätte ich es auch besser gefunden, wenn in der Studie auch ältere Probanden aus allen Gesellschaftsschichten ein Voting abgegeben hätten.  

 

UM: Spielt das Thema eine Rolle in Ihrem klinischen Alltag?

Dr. Voigt-Zimmermann: Im klinischen Alltag spielt das Thema der zu hohen oder auch tiefen Stimme beispielsweise bei Mutationsstimmstörungen, Stimmlippenlähmungen oder dem Wunsch nach Stimmveränderung nach Geschlechtsumwandlung eine große Rolle. Auch da muss neben der allgemeinen (und meist anatomisch bedingt begrenzt möglichen) Veränderung der Sprechstimmlagen immer auch die gesamte Intonationsweise modifiziert werden, also die Art und Weise wie akzentuiert wird. Ich persönlich habe im Rahmen meiner klinischen Tätigkeit keine Frau erlebt, die stimmgesund war und tiefer sprechen wollte, um im Beruf erfolgreicher zu sein. In meiner 10-jährigen Arbeit als Sprecherzieherin jedoch kam das Thema des Öfteren zur Sprache, ob nun bei meinen Lehramtstudentinnen, meinen ausländischen Dolmetschstudentinnen oder Jurastudentinnen. Immer ging es darum, die Vortrags- oder Redeinhalte sachlicher rüberzubringen und da genügte es zumeist, die Tonhöhenmodulationen etwas zu glätten, die Sprechmelodie am Ende von Sätzen oder gesamten Aussagen in die Lösungstiefe zu führen oder ganz einfach mal „Mut zur Pause“ zu haben….übrigens war das auch bei einigen den männlichen Studenten so.  

 

UM: Was passiert - physiologisch, psychologisch, soziologisch, evolutionsbiologisch - wenn Frauen ihre Stimmen "mutwillig tiefer legen"?

Dr. Voigt-Zimmermann: Das Problem ist, dass Menschen sehr gut hören, wenn jemand „unnatürlich“ spricht. Die Leute, die einen kennen, glauben einem nicht mehr, und Fremde finden einen irgendwie „komisch“. Wir haben außerdem klare, kulturell geprägte Vorstellungen, wie beispielsweise große, dicke, kleine, dünne, blonde oder dunkelhaarige Menschen klingen sollen. Man kennt das von fremden Gesprächspartnern am Telefon, denen man plötzlich face-to-face gegenübersteht und die man dann nicht wiederzuerkennen glaubt. Das eröffnet also schon einigen Spielraum für Stimmmodulationen, aber es muss im Rahmen bleiben. Anders ist es mit störenden Aspekten beim Sprechen, wie zu häufiges „ähm“ oder starkem Dialekt. Hier wird es meist als positiv gewertet, wenn sich eine Verbesserung einstellt. Jeder honoriert beispielsweise die veränderte Sprechweise von einem berühmten deutschen Tennisspieler, weil nämlich jeder von uns weiß, wie viel Mühe es kostet, das eigene Sprechen zu verändern. Anderseits gewöhnen wir uns auch an Sprechweisen und konzentrieren uns dann mehr auf das Gesagte, siehe die gestiegene Wertschätzung gegenüber einer ebenfalls berühmten ostdeutschen Politikerin.  

 

UM: Kommen hier vermehrt oder neue Aufgaben auf uns zu? Wird das ein neuer Markt passend zur Frauenquote?

Dr. Voigt-Zimmermann: Ich glaube nicht, dass in unserem Sprachraum vermehrt solche Aufgaben auf uns zukommen. Keiner kann wollen, dass Männer und Frauen, egal in welcher Profession, gleich sprechen. Mir gehen da außerdem viele unserer Kolleginnen in Führungspositionen durch den Kopf, die gar nicht männlich, also tief sprechen, und exzellente Führungspersönlichkeiten sind, auf ihre Weise nämlich, die übrigens auch von den männlichen Kollegen sehr geschätzt wird. Letztendlich wird sich immer durchsetzen, wer was „auf dem Kasten“ und Bedeutsames zu sagen hat. Das wir uns diesbezüglich immer noch in einem Lernprozess befinden, ist unbestritten. Aber auch das gehört zur Demokratie dazu, ebenso die Erfahrung und Hoffnung, dass rhetorische und auch stimmliche Scharlatane schlussendlich immer zu „kurze Beine“ haben.  

 

Dr. Susanne Voigt-Zimmermann ist Diplom-Sprechwissenschaftlerin und Akademische Sprachtherapeutin. Sie arbeitet seit 1990 therapeutisch, sprecherzieherisch und wissenschaftlich zunächst an den Universitäten Jena (1990-2001) und Heidelberg (2001-2011), seit 2011 an der Universitäts-HNO-Klinik Magdeburg. Das Gespräch führte Dr. Ulrike de Langen-Müller für den dbs.

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