Reform versprochen – akademische Strukturen gefährdet!

Die aktuellen Entscheidungen der SRH University zeigen, welche Folgen der jahrzehntelange Reformstau in der Logopädie/Sprachtherapie inzwischen hat.


Die SRH University hat im Rahmen einer wirtschaftlichen Neuausrichtung beschlossen, unter anderem ihre ausbildungsintegrierenden Studiengänge in der Logopädie/Sprachtherapie und Physiotherapie einzustellen, Kooperationen mit Fachschulen zu beenden und Standorte zu schließen. Die Auswirkungen sind bundesweit spürbar, in besonderer Weise auch in Nordrhein-Westfalen. Für die Logopädie/Sprachtherapie bedeutet dies den Verlust gewachsener akademischer Ausbildungsstrukturen, fachlicher Expertise und langjährig aufgebauter Teams.

Diese Entwicklung ist mehr als eine unternehmerische Entscheidung eines einzelnen Hochschulträgers. Sie ist ein politisches Warnsignal.

Denn während seit Jahrzehnten über die Reform der Ausbildung in der Logopädie/Sprachtherapie gesprochen wird, geraten bereits bestehende akademische Strukturen zunehmend unter Druck.

Deutschland verfügt seit vielen Jahrzehnten über akademische Ausbildungs- und Studienstrukturen in der Logopädie/Sprachtherapie. Dazu gehören etablierte Studiengänge der akademischen Sprachtherapie ebenso wie hochschulische Ausbildungsmodelle in der Logopädie/Sprachtherapie. Mit großen hochschulpolitischen Projekten – etwa dem Aufbau der Hochschule für Gesundheit in Bochum – wurde die Akademisierung der Gesundheitsfachberufe ausdrücklich vorangetrieben. 

Es geht also nicht darum, irgendwann mit Akademisierung zu beginnen. Die akademischen Strukturen sind (noch!) da. Die Frage ist, ob die Politik bereit ist, sie dauerhaft zu sichern.

Das Gesetz über den Beruf des Logopäden (LogopG) stammt in seinen wesentlichen Grundlagen aus den 1980er Jahren. Es wird den heutigen fachlichen, wissenschaftlichen und versorgungspolitischen Anforderungen längst nicht mehr gerecht. Seit mehr als zwei Jahrzehnten liegen hierzu Stellungnahmen, Resolutionen und Reformvorschläge vor. Die Dozent:innenkonferenz des dbs begleitet diesen Prozess seit vielen Jahren intensiv. Seit rund zehn Jahren arbeitet zudem der Arbeitskreis Berufsgesetz an einer Weiterentwicklung der gesetzlichen Grundlagen.

Auch politisch wurde eine Reform immer wieder angekündigt. Unter verschiedenen Bundesgesundheitsminister:innen wurde eine Modernisierung der Berufsgesetze und eine stärkere beziehungsweise vollständige Akademisierung der Therapieberufe in Aussicht gestellt. Doch aus der angekündigten Reform ist bislang keine verlässliche neue Struktur entstanden.

Wer sich nicht entscheidet, entscheidet trotzdem. Politisches Nicht-Handeln ist in dieser Situation keine neutrale Position.
Wer eine grundlegende Reform über Jahre vertagt, entscheidet damit faktisch mit darüber, welche Ausbildungsstrukturen bestehen bleiben und welche verschwinden. Die aktuellen Entwicklungen bei der SRH machen diese Konsequenz sichtbar.

Während die gesetzliche Reform weiter aussteht, verändern sich die Rahmenbedingungen. Fachschulische Ausbildungen sind inzwischen vielerorts schulgeldfrei. Gleichzeitig müssen Hochschulen Studiengänge in der Logopädie/Sprachtherapie unter Bedingungen anbieten, in denen ihre langfristige Rolle im Ausbildungssystem weiterhin ungeklärt ist. Das ist nicht nur hochschulpolitisch problematisch. Es steht auch in einem deutlichen Widerspruch zu den geplanten Veränderungen im Gesundheitswesen.

Seit Jahren wird darüber diskutiert, Gesundheitsversorgung neu zu strukturieren, Aufgaben zwischen den Professionen anders zu verteilen und Therapieberufe stärker in die Primärversorgung einzubinden. Auch Modelle eines Direktzugangs, erweiterter Verantwortungsbereiche und einer größeren therapeutischen Autonomie stehen im Raum. Solche Reformen setzen jedoch voraus, dass Therapeut:innen auf genau diese erweiterten Aufgaben vorbereitet werden. Wer Diagnostik, klinische Entscheidungsfindung, Indikationsstellung, differenzielle Einschätzung, interprofessionelle Steuerung und eigenverantwortliche Versorgung stärken will, braucht dafür wissenschaftlich fundierte und akademisch qualifizierte Fachpersonen.

Direktzugang und Primärversorgung sind deshalb nicht von der Ausbildungsfrage zu trennen.
Ein Gesundheitssystem kann nicht mehr Verantwortung an Therapeut:innen übertragen wollen und gleichzeitig die akademischen Strukturen schwächen, die für diese Verantwortung qualifizieren. Gerade vor dem Hintergrund komplexerer Versorgungsverläufe, des demografischen Wandels, zunehmender Multimorbidität, interprofessioneller Versorgung und wachsender Anforderungen an evidenzbasierte Entscheidungen ist eine moderne akademische Qualifikation kein Zusatz, sondern eine strukturelle Voraussetzung.

Die aktuellen Entscheidungen der SRH University zeigen, was jahrelange Unsicherheit konkret bedeutet.

Mit der Schließung von Standorten verschwinden nicht nur Studienplätze. Es gehen Lehrkompetenz, wissenschaftliche Expertise, Forschungsstrukturen, Kooperationsnetzwerke und erfahrene Teams verloren. Solche Strukturen wurden über viele Jahre aufgebaut. Sind sie einmal aufgegeben, lassen sie sich nicht kurzfristig wiederherstellen.

Gerade deshalb darf die Entwicklung bei der SRH nicht als isolierter Einzelfall betrachtet werden. Sie zeigt, dass der Reformstau inzwischen reale strukturelle Folgen hat.

Nach mehr als 20 Jahren Diskussion braucht die Logopädie/Sprachtherapie keine weitere Ankündigung einer bevorstehenden Reform. Sie braucht einen verlässlichen gesetzlichen Rahmen für Ausbildung, Studium und Berufsausübung. Dabei geht es nicht um Akademisierung als Statusfrage. Es geht um die Qualität und Zukunftsfähigkeit der Versorgung, um wissenschaftlich fundierte Diagnostik und Therapie und um die Rolle der Logopädie/Sprachtherapie in einem modernen, interprofessionellen Gesundheitssystem.

Wenn Primärversorgung, Direktzugang und eine stärkere Eigenverantwortung der Therapieberufe politisch tatsächlich gewollt sind, dann müssen auch die Qualifikationsstrukturen geschaffen und gesichert werden, die diese Verantwortung tragen können. Die akademischen Strukturen dafür existieren bereits. Doch sie können nicht unbegrenzt auf politische Entscheidungen warten. Wer sich nicht entscheidet, hat sich irgendwann trotzdem entschieden – gegen bestehende Strukturen, gegen Planungssicherheit und möglicherweise gegen genau jene akademische Qualifikation, die für die zukünftige Versorgung dringend gebraucht wird.

Die SRH-Schließungen sollten deshalb als deutliche Warnung verstanden werden: Wer die Reform der Logopädie/Sprachtherapie weiter vertagt, riskiert, genau die akademischen Strukturen zu verlieren, die für Direktzugang, Primärversorgung und eine moderne Weiterentwicklung des Gesundheitswesens benötigt werden.

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