
Das diesjährige Herbsttreffen Patholinguistik fand bei allerbestem Novemberwetter statt – zumindest bei den Veranstalter:innen an der Uni Potsdam regnete es den ganzen Tag in Strömen. Umso schöner, wenn man wie in diesem Fall online am Tagungsprogramm teilnehmen kann! Über 275 Personen waren angemeldet und nutzten das Herbsttreffen als Plattform für den wissenschaftlichen und praxisorientierten Austausch.
Unter dem thematischen Schwerpunkt „Narrative Brücken: Therapie der Erzählfähigkeit bei Kindern und Erwachsenen“ wurden neueste Erkenntnisse, diagnostische Ansätze und therapeutische Verfahren diskutiert. Themenoffene Posterpräsentationen und sechs Praxis-Workshops rundeten das Programm ab.


Das Team des 19. Herbsttreffen Patholinguistik
Die Vorträge zum Schwerpunktthema waren entlang der Lebensspanne sortiert und beleuchteten die Erzählfähigkeit und ihre Behandlung bei Babys, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit neurologischen Störungen.
Den Auftakt bildete der Vortrag von Margita Händel-Rüdinger zum Thema „Erste Sprache – Erstes Erzählen“. Sie unterschied zwischen Erzählen im engeren Sinne – also einer sprachlich klar strukturierten, zusammenhängenden Geschichte – und Erzählen im weiteren Sinne, etwa in Form von Gefühlsgeschichten. Im Mittelpunkt stand die Bedeutung einer narrativ-kohärenten Struktur, die durch das Auflösen eines Spannungsmoments und ein „Happy End“ gekennzeichnet ist. Gelingt diese Auflösung nicht, bleibt die Spannung bestehen, was den Erwerb vollständiger Erzählstrukturen beeinträchtigen und mit Verhaltens- sowie Beziehungsauffälligkeiten bei Kindern einher gehen kann. Margita Händel-Rüdinger stellte hierzu ihre Regulationsbasierte Sprachtherapie vor, in der Kinder lernen, ihre eigenen Gefühlsgeschichten auszudrücken, um damit Schritt für Schritt eine kohärente Erzählstruktur zu entwickeln.
Prof. Dr. Natalia Gagarina stellte die Relevanz narrativer Verfahren in der Diagnostik mehrsprachiger Kinder heraus. Da der mehrsprachige Spracherwerb noch immer weniger erforscht ist als der monolinguale, würden Entwicklungsstörungen häufig mit monolingual normierten Testverfahren erfasst – ein Vorgehen, das das Risiko von Fehldiagnosen deutlich erhöht. Mit Verfahren wie dem Multilingual Assessment Instrument for Narratives (MAIN) und dem TEBIK 4-8 stehen jedoch validierte, mehrsprachigkeitssensible Testbatterien zur Verfügung, die narrative Leistungen zuverlässig erfassen können.
Dr. Isabel Neitzel zeigte in ihrem Vortrag, dass Erzählfähigkeit das enge Zusammenspiel von Makrostruktur (auch „Story-Grammar“ mit Erzählelementen wie Ziel, Handlung und Ergebnis) und Mikrostruktur (Syntax, Kohärenz und Wortschatz) erfordert. Beide Bereiche sind eng mit kognitiven Fähigkeiten wie der Perspektivübernahme verknüpft. Isabel Neitzel präsentierte die aktuelle Evidenzlage zu narrativen Förderansätzen, machte jedoch auch deutlich, dass viele Studien methodische Grenzen aufweisen und dass im deutschsprachigen Raum ein großer Bedarf an qualitativ hochwertigen Wirksamkeitsstudien besteht. Das Dortmunder Projekt DoSETÜwurde in diesem Zusammenhang als vielversprechender Ansatz vorgestellt.
An diese Inhalte knüpfte Dr. Marion Grande an, die sich mit der Förderung narrativer Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen befasste. Sie verdeutlichte, dass narrative Kompetenz auf mehreren Ebenen entsteht – der linguistischen Ebene, der propositionalen Ebene, der Kohäsion und Kohärenz und der makrostrukturellen Story-Grammar. Eine präzise diagnostische Einordnung dieser Ebenen sei Voraussetzung für eine zielgerichtete Therapieplanung. Trotz begrenzter deutschsprachiger Evidenz zeigten narrative Förderprogramme gute Wirksamkeit. Darüber hinaus stellte Marion Grande zehn grundlegende Therapieprinzipien vor, darunter die Priorisierung der Makrostruktur, die Visualisierung abstrakter Erzählelemente, adaptive Hilfestellungen, individuell gestaltbare Schwierigkeitsgrade und vielfältige Erzählanlässe. Abschließend zeigte sie konkrete rezeptive und expressive Übungsmöglichkeiten, mit denen narrative Kompetenzen auf Mikro- und Makroebene gefördert werden können.
Im Nachmittagsblock beleuchteteDr. Jana Quinting Störungsprofile bei kognitiven Kommunikationsstörungen (CCDs). Anhand anschaulicher Fallbeispiele machte sie deutlich, wie weitreichend CCDs den Alltag der Betroffenen beeinflussen können. Für eine differenzierte Diagnostik seien spezifische Verfahren notwendig, die alltagsrelevante kommunikative Einschränkungen zuverlässig abbilden. Hierzu zählen z. B. die ins Deutsche übersetzte Checkliste Kognitive Kommunikationsstörungen nach Erworbener Hirnschädigung (CCCABI-DE), der La Trobe Communication Questionnaire (LCQ), MAKRO, FAVRES-DE (Functional Assessment of Verbal Reasoning and Executive Strategies). Diese ermöglichen eine differenzierte Bewertung kognitiver und kommunikativer Fähigkeiten. Im Projekt DigiDi wird derzeit eine Digitalisierte Diagnostik alltags- und berufsrelevanter Kommunikation nach Hirnschädigung entwickelt.
Eva Lauinger berichtete aus der aphasietherapeutischen Praxis und betonte, dass viele Partizipationsziele eine erfolgreiche Textproduktion erfordern. Dementsprechend sollte auch die Diagnostik und Therapie von Störungen der mündlichen Textproduktion bei Personen mit Aphasie vor dem Hintergrund der Alltagsrelevanz erfolgen. Eva Lauinger erläuterte dazu, dass sich die Makrostruktur je nach Kommunikationskontext unterschiedlich entfaltet und z.B. beschreibend, erzählend, erklärend oder begründend sein kann. Welche Textsorte relevant ist, sollte gemeinsam mit dem/der Patient:in ermittelt werden. In drei Phasen (Vermittlung der Textstruktur, Therapie auf Satzebene, Textproduktion) werden die Texte sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikrostruktur erarbeitet. Methoden der Visualisierung (z.B. Mindmaps) spielen dabei eine wichtige Rolle.
Abschließend präsentierte Lynn Reimen die Ergebnisse ihrer Bachelorarbeit zur Therapie der Textverarbeitung bei primär progredienter Aphasie (PPA). In einer Einzelfallstudie mit einer Patientin mit der semantischen Variante der PPA wurde ein 15-stufiges therapeutisches Vorgehen angewandt, das sich in die Bereiche Stimulation, Textverarbeitung und Hausaufgaben gliederte. Die Evaluation zeigte sowohl Übungs- als auch Transfereffekte auf den biografischen Diskurs, was die Effektivität sprachtherapeutischer Interventionen trotz des progredienten Verlaufs der Erkrankung unterstreicht. Lynn Reimen hob hervor, dass ein konsequenter Transfer in den Alltag sowie kontinuierliches Üben entscheidend für den Therapieerfolg seien und dass weiterer Forschungsbedarf in diesem Bereich besteht.
Traditionell finden beim Herbsttreffen nicht nur Vorträge statt, sondern auch Posterpräsentationen und Praxis-Workshops. In kleineren Runden bot sich so die Gelegenheit, spezifische Fragestellungen und Themen zu vertiefen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Praxis-Workshops fanden zu den folgenden Themen statt:
Der mit insgesamt 200 € dotierte Posterpreis wurde von einer Jury an die folgenden Poster vergeben. Herzlichen Glückwunsch!
1. Platz
Lukas Wichert & Judith Heide
Was wissen Personen mit Aphasie über Depressionen nach Schlaganfall?
2. Platz
Anne Jasmin Heinzmann, Christina Kauschke & Ulrike Domahs
Wahrnehmung von Reduktionssilben bei Kindern mit und ohne Aussprachestörung
3. Platz:
Charlotta Hesse, Neitah Eckerlin, Michael Wahl & Katharina Weiland
Entwicklung von Blickbewegungen und Leseleistung im Grundschulalter

Im nächsten Jahr feiert das Herbsttreffen Patholinguistik sein 20. Jubiläum.
Aus diesem Anlass wird es in Präsenz stattfinden und zwar am 9. & 10. Oktober 2026 am Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam.
Wir freuen uns, wenn Sie sich den Termin freihalten und mit uns feiern!
Das Programm wird im Frühjahr bekanntgegeben.

„Gemeinsam!“ nahmen rund 170 Teilnehmer:innen am 23. November 2024 am 18. Herbsttreffen Patholinguistik teil und erhielten zahlreiche Anregungen für die Gruppentherapie bei neurologisch bedingten Sprach- und Sprechstörungen, Stottern und Mutismus.
Den Auftakt machte Dr. Vibeke Masoud (Waldklinik Jesteburg), die eine anschauliche Einführung in die Gruppentherapie bei neurologisch bedingten Sprach- und Sprechstörungen gab. Zentrales Ziel sei es, die Gruppenteilnehmer:innen zu selbstständiger und erfolgreicher Interaktion in authentischen Kommunikationssituationen zu befähigen. Der/die Sprachtherapeut:in nimmt als Gruppenleitung daher eher eine beobachtende und moderierende Rolle ein, wobei ein gezieltes Eingreifen oder Lenken natürlich möglich ist. Vibeke Masoud machte transparent, dass es bisher nur wenige Evidenzen zur Wirksamkeit von Gruppentherapien gibt, gleichzeitig begründete sie die Vorteile einer Gruppendynamik aber sehr überzeugend. Angereichert mit vielen konkreten Tipps und Techniken zur Gruppenleitung war der Vortrag eine hervorragende Grundlage für die folgenden Beiträge.
Katrin Eibl (Krankenhaus Barmherzige Brüder, Regensburg) vertiefte in ihrem Vortrag „Bitte sprechen Sie lauter!“die Möglichkeiten der Gruppentherapie bei Dysarthrie und in der Geriatrie. Verschiedene Audiobeispiele von Patient:innen zeigten, wie unterschiedlich sich eine Dysarthrie – auch in Abhängigkeit von Faktoren wie Situation, Kontext, Vertrautheit sowie körperlicher und emotionaler Verfassung – auf die Verständlichkeit auswirken kann. Durch Videos erhielten die Teilnehmer:innen Einblicke in eine Parkinson-Gruppenstunde mit folgender Struktur: Aufwärmen & Vorstellungsrunde, Lautstärketraining, Artikulation & Diadochokinese und Abschluss & Feedback. Katrin Eibl machte darauf aufmerksam, dass im Vergleich zu anderen Gruppentherapien in der Geriatrie auf zusätzliche Einschränkungen, wie z.B. Schwerhörigkeit, feinmotorische Einschränkungen sowie reduzierte Aufmerksamkeit, Belastbarkeit und Mobilität verstärkt geachtet werden sollte.
Im zweiten Teil der Hauptvorträge am Vormittag trug zunächst Tina Braun (Logopädie Puschmann, Gersthofen) zur Therapie in der Gruppe bei stotternden Kindern und Jugendlichen vor. Sie stellte den methodenkombinierten Ansatz „Stärker als Stottern“ vor, der Fluency Shaping (Veränderung des Sprechens) und Modifikationsansätze (Veränderung des Stotterns) vereint. Im Rahmen der Therapie erhält jede:r Teilnehmer:in einen „Stotterwerkzeugkoffer“, der mit praktischen Techniken gefüllt wird, um Selbstwirksamkeit und Motivation zu fördern. Wichtige Werte in der Gruppe sind das Erleben von Zugehörigkeit und die Möglichkeit, durch verschiedene Vorbilder zu lernen. Die Teilnehmer:innen wachsen durch das gemeinsame Erleben von Herausforderungen und feiern Erfolge zusammen. Dies wurde auch von Frederick Kukla bestätigt, der sich als ehemaliger Teilnehmer mit einem Kurzbericht in den Vortrag einbrachte.
Abschließend hielt Prof. Dr. Nitza Katz-Bernstein, Mitentwicklerin des DortMuT-Konzepts, einen umfassenden Vortrag über die Gruppentherapie bei selektivem Mutismus. Hier steht das Gruppenformat eher am Ende der Therapie, wenn es darum geht, den Transfer in den Alltag anzubahnen. Zu Beginn einer Therapie sind besonders ritualisierte Abläufe wie die Begrüßung, Ankündigungen und Abschlussrunden wichtig. Durch den Aufbau dyadischer Kommunikation soll ein sicherer Rahmen geschaffen werden, um im Verlauf der Therapie darauf aufbauen zu können. Ziel ist dann innerhalb der Gruppentherapie, durch das Erleben von Solidarität, die verbale Kommunikation schrittweise aufzubauen und eine Generalisierung ins soziale Umfeld zu schaffen. Besonders betone Prof. Katz-Bernstein, wie wichtig es ist, die Ressourcen der Kinder zu entdecken, ihre Interaktion zu fördern und durch in-vivo-Aufgaben (z.B. gemeinsam zum Bäcker gehen) praktische Übungsmöglichkeiten zu schaffen.
Nach der Mittagspause ging es dann „Gemeinsam über die Therapie hinaus“. Dr. Filippo Smerilli (Stottern & Selbsthilfe Landesverband Ost e.V. / Berliner Selbsthilfegruppe Stottern), Marlene Scheid (Logopädin), Werner Scheid (Selbsthilfegruppe Aphasie Trier) und Sabine Meyer (Sam21 – für Eltern und Kinder mit Trisomie 21) berichteten in einer Podiumsdiskussion von ihren Erfahrungen aus der Selbsthilfe. Beispielsweise wurde über den Zusammenhang zwischen Therapie und Selbsthilfe reflektiert („Selbsthilfe ist Teil der Therapie“, „Therapie geht an die Leistungsgrenze, Selbsthilfe aktiviert Ressourcen“) und die Funktion einer Selbsthilfegruppe (SHG) besprochen (Netzwerk, Übungsspielplatz, Erfolgsgeschichten). Von Therapeut:innen wünschten sich die Diskutierenden mehr Offenheit gegenüber verschiedenen Methoden und Erfahrungen – schließlich sind die Patient:innen, und Angehörigen die Expert:innen für ihr Störungsbild bzw. ihre Erkrankung. Einig waren sich aber alle, dass Therapeut:innen in der Selbsthilfe willkommen sind und dadurch Synergien entstehen können.
Den Abschluss des Tages bildeten fünf Workshops, in denen verschiedene Praxisthemen in kleineren Gruppen vertieft werden konnten. Die Themen reichten vielfältig von der Therapie pragmatischer Fähigkeiten mit Improvisations-Techniken bzw. der Förderung pragmatisch-kommunikativer und emotionaler Kompetenzen durch In-vivo-Therapie über die Zukunftsperspektive Neurowissenschaften und den Einsatz von ChatGPT in der logopädischen Praxis bis hin zur Vorstellung der Leitlinien zu Post Covid Conditions.
In den Pausen trafen sich viele Teilnehmer:innen bei Discord, wo man in Pausenräumen in kleinen Runden zusammenkommen konnte und die Posterausstellung stattfand. Acht Poster wurden vorgestellt und wie in den letzten Jahren wurden die drei besten Poster mit einem Posterpreis ausgezeichnet. Dazu wurden alle Poster vorab von einer dreiköpfigen Jury (Jeannine Schwytay, Stephanie Parau, Lea Plum) gesichtet und nach festgelegten Kriterien bewertet. Wir gratulieren den Gewinner:innen ganz herzlich und danken allen Posterautor:innen für die Präsentationen!
1. Platz
Adaptive Nutzung des LSI.J zur Überprüfung des Sprachverständnisses von Jugendlichen mit intellektueller Beeinträchtigung
Dr. Isabel Neitzel, Technische Universität Dortmund
2. Platz
Beeinträchtigung der Fähigkeit zur Oralen Stereognose: relevante Krankheitsbilder und Ausprägungen. Eine Scoping-Review.
Paulina Harnisch, Judith Heide & Ulrike Frank, Universität Potsdam
3. Platz
Smartphone-gestützte Erfassung früher Schriftsprachkompetenzen zu Hause: Potentiale für die Logopädie
Rebekka Echternkamp & Prof. Dr. Stefanie Jung, Hochschule Trier
Wir danken allen Referent:innen, Diskutant:innen und Gästen für ein äußerst informatives und inspirierendes Herbsttreffen! Der zugehörige Tagungsband wird im Herbst 2025 erscheinen.
Das nächste Herbsttreffen Patholinguistik wird im November 2025 stattfinden. Wir informieren rechtzeitig über den Termin.

In vollständig neuem Layout ist nun der Tagungsband zum Herbsttreffen Patholinguistik 2023 erschienen und steht zum kostenfreien Download bereit.
Der Tagungsband dokumentiert die Vorträge zum Schwerpunktthema „Wir verstehen uns. Sprachverständnistherapie bei Kindern und Erwachsenen“. Außerdem werden unter dem Motto „Klotz am Bein oder Kolleg:in in spe?“ verschiedene Perspektiven auf das sprachtherapeutische Praktikum beleuchtet. Beiträge zu den themenoffenen Posterpräsentationen und Workshops komplettieren den Tagungsband.
Eine Übersicht über alle bisherigen Tagungsbände finden Sie HIER .
An dieser Stelle können Betroffene oder interessierte Eltern bzw. Angehörige von sprach- und sprechgestörten Menschen Sprachtherapeut:innen in ihrer Nähe finden.
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